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Eröffnungsrede für Daniel Sambo-Richter

Galerie Sonntag, Cottbus

1. April 2007

 

Lieber Daniel, sehr geehrte Damen und Herren,

einen Tag vor Deiner Abreise in die USA zu Deiner Ausstellungseröffnung haben wir uns in Berlin für ein Interview getroffen. Als wir den Termin absprachen, sagtest Du zu mir: „Du kannst dich schon einmal über meine Homepage informieren. Dort habe ich die aktuellen Bilder eingestellt.“

Als ich die Homepage öffne, trifft mich das Bild auf der Übersichtsseite wie ein Schlag. Letzten Sommer hatte ich Daniel Sambo-Richters Ausstellung mit neuen Bildern in Potsdam gesehen – porträthafte Bilder aus der Serie „Hysteria“, die von Anspannung und Aggression erzählten. Doch „Walküre“ aus der Bilderfolge „German Fragments“ - das Bild, das Sie hinter mir sehen - ist eine neue Kategorie. Auch als ich es gestern hier nun im Original hängen sah, ging es mir kaum anders.

Provokation – ist mein erster Gedanke !

Provokation ist Deine Kunst nicht erst mit den aktuellen Bilderserien „Hysteria“ und „German Fragments“. Das war sie auch vor zehn Jahren schon. In den Messehallen fand im Frühsommer 1997 „100 KW“ statt, die 2. Kunstausstellung des Landes Brandenburg.

Daniel Sambo-Richter war vertreten mit einer Folge roter Lacktafeln, die eine ganze Wand bespielten. Das war schon Provokation. Rote Lacktafeln – und sonst nichts. Keine Figur, kein Gegenstand. Ich habe die Kritik noch im Ohr. Doch damals entwickelte sich in den abstrakten Bildern bereits, was heute eine neue Form und Thematik erhalten hat.

 

Ich ordne meine Gedanken unter drei Begriffe:

 

Auf-schrei

„Das Thema Aggression ist im Prinzip auch in den abstrakten Arbeiten enthalten“, sagt Daniel-Sambo Richter in unserem Gespräch. Tatsächlich kommt Ende der 90er Jahre Bewegung in die abstrakten Arbeiten. Die opake Farbfläche nimmt der Künstler schrittweise zurück.

Das ist die Phase, in der Du als Preisträger für bildende Kunst des Landes Brandenburg ausgezeichnet wirst – ein Künstler, der weiter geht.

In „Spaces of Possibilities“ entwickeln sich zwei Bildbereiche: Zum Einen finden sich hier Farbstreifen und Farbflächen - klar definiert, kantig, blockartig, monochrom. Sie sind auf den ersten Blick dominant. Zum Zweiten finden sich in diesen Bildern energische Kreidestriche, Tropfen-, Schlieren-, Farbbewegungen, die hinter den geschlossenen Farbflächen hervortreten. So entstehen tiefe, suggestive Räume.

Diese energischen Farbbewegungen werden immer wichtiger: sie verraten differenzierte Empfindungen und Stimmungen und hohe Emotionalität. Das Unendliche und Ungewisse wird erkundet.

In derartige abstrakte Landschaften integriert der Künstler Schritt für Schritt porträthaft umgesetzte Bilder der Aggression. Die abstrakt dargestellte Aggression bekommt ein Gesicht. „Hysteria“ benennt der Künstler die Serie – der Titel ist raffiniert gewählt. Unwillkürlich bezieht der Betrachter „hysteria“ wohl zuerst einmal auf den Bildinhalt – er sieht den entfesselten Schrei, Wut oder das von Hass verzerrte Gesicht. Er sieht „abnorme seelische Verhaltensweisen, die aus starken Gemütsbewegungen entstehen und sich ganz unterschiedlich ausdrücken können“, so die Definition für Hysterie, die der Duden anbietet.

Zugleich reagieren wir als Betrachter. Was macht das Bild mit uns ? Reagieren wir gelassen, mit Angst, vielleicht mit Fluchtgedanken – vielleicht sogar hysterisch ?

Die Gesichter selbst erfindetder Künstler übrigens nicht. Er findet sie in Zeitschriften und Zeitungen, nutzt also Pressefotos. Ein typisches Bild für dieses Phase ist „Erschöpfung“. Nicht immer ist eindeutig, um was für eine Reaktion es da geht. Ist der Schrei Re-Aktion und damit Spiegel einer schmerzhaften Situation ? Begleitet er einen Angriff ? Oder leistet die Person Widerstand, sodass deshalb Aggressionsich im Gesicht spiegelt?

Was überhaupt verrät uns ein Gesicht ?

 

An-gesicht

„Mich interessiert vornehmlich das menschliche Gesicht, weil sich letztlich alle menschlichen Belange darin zeigen.“

Tatsächlich beschäftigte sich Daniel Sambo-Richter schon zu Cottbuser Zeiten mit dem Motiv des Kopfes, nämlich seit 1998. Bei einem Atelierbesuch, der mir noch lebhaft in Erinnerung ist, breitete er damals auf dem Boden seines Ateliers eine Folge von Blättern mit schemenhaften Kopf-Motiven aus, die Grauen erregend waren. Augen und Mund waren vergittert – maskenhafte Embleme der Aggression und Abwehr zugleich. Die „Hysteria“-Serie setzt hier an.

Dazu kommt eine vergangenes Jahr entstandene, in sich geschlossene Werkfolge. An die Wurzel des Themas Gesicht und seine Ausdrucksvielfalt geht Daniel Sambo-Richter meiner Meinung nach mit seiner Baby-Porträtserie. Auch hier gilt: alle Babygesichter der etwa 15 Bilder umfassenden Serie sind Pressefotos. Sie sind keine persönlichen Erinnerungsstücke.

Wenn Sie ein neugeborenes Baby während des Schlafens beobachten, sehen Sie auf diesem kleinen Gesicht die ganze Bandbreite menschlicher Empfindungen vorbeiziehen. Seliges Lächeln, Anspannung, Ärger, Zufriedenheit. Alles ist von Anfang an angelegt im Menschen – je nach Lebensumständen wird das Gesicht sich im Laufe der Zeit ausprägen. Jedes Baby ist ein Individuum und doch – so meine Gedanken zu dieser Serie – wird hier der Mensch in einem Grundzustand gezeigt, unverbildet.

Lebensumstände, Schicksal, seine eigene Persönlichkeit werden ihn prägen.

 

An-denken - die Serie „German Fragments“

„Letztendlich der entscheidende Anstoß für die Serie zum Dritten Reich war der Besuch von Sachsenhausen vor eineinhalb Jahren. In Berlin wohnen wir direkt zwischen zwei zentralen Komplexen des Gefängnisses Plötzensee. Ich finde das unglaublich, dieses Bewusstsein, dass vieles in Berlin stattfand.“

Vor sechs Jahren ist Daniel Sambo-Richter mit seiner Familie nach Berlin gezogen. Du lebst und arbeitest dort in einem anderen Kontext. Die künstlerischen Prozesse - Künstler, Kontakte, das breite Ausstellungsangebot in Galerien, Museen sind eine gesuchte Herausforderung:

„Da kannst Du einfach nicht vorbei. Du wirst sehr provoziert.“

Berlin ist zugleich historischer Ort, der mit dem Nationalsozialismus verbunden bleibt. Wer einmal die Tagespresse beobachtet – es gibt bis heute fast keinen Tag, an dem nicht das Dritte Reich und seine Folgen Thema sind: Neo-Nazis, Beutekunst, Jahrestage der Befreiung der KZs. Hier geht es nicht um einen Erinnerungskult. Das sind geschichtsbedingt aktuelle Fragen und Themen.

DasAn-denken der eigenen Geschichte, der politischen und persönlichen, ist schmerzhaft und unfassbar immer da, wo ein einzelnes Schicksal vor Augen steht. Paul Richter, der Großvater väterlicherseits, war Pastor der Bekennenden Kirche. In Dachau kam er nach kurzem Aufenthalt zu Tode. Ein Porträt des Großvaters gehört zu der Serie „German Fragments“.

 

An-Näherung

An-Näherung an eine zerstörerische Zeit über Bildbotschaften – die Motive für die Frauendarstellungen in dieser Ausstellung fand der Künstler in einem 1935 erschienenen Bildband mit dem Titel „Menschen = Schönheit“. Ganz im Unterschied zur Progapanda-Fotografie sind diese Bilder pastos, mit zurückhaltend expressiver Handschrift gemalt – und damit stehen sie auch der glatten, flachen Malweise nationalsozialistischer Kunst entgegen.

Daniel Sambo-Richter berichtet von den Reaktionen auf seine Ausstellung aktueller Bilder in New York: Die Besucher hätten sich einfach an den Bildern erfreut. „Womit ich spiele, das nehmen diese Leute ganz pur.... sie erkennen nicht, was ich treibe.“ Sportlerdarstellungen, ein blondes Mädchen, ein Bauer mit Filzhut sind dann eben „German Fragments“. Daniels Beobachtung machte mir klar, wie stark meine eigene, abwehrende Reaktion ist. Die hübsche Schwimmerin – in jeder Frauenzeitschrift käme sie mit ihrer Figur gut heraus. Doch schon der Anklang an die Mode des Dritten Reichs – nein danke. Ganz zu schweigen von NS – Heroisierungsstrategien wie mit der „Walküre“.

Was verraten diese Bilder – was machen sie mit mir ?

Bildstrategisch gesehen erinnern sie mich an die abstrakten Landschaften von Daniel Sambo-Richter, die ich vorher beschrieben habe: das Bildmotiv liegt auf der Ebene der geschlossenen Farbflächen. Hinter dem Abbild eröffnen sich ganze Gefühlswelten.

Die amerikanischen Ausstellungsbesucher sahen den netten, alten Herrn mit Hut, der sie an Deutschlandund Bayern erinnert. Das kollektive Gedächtnis in Deutschlandfunktioniert anders. Eine Vielfalt von Gefühlen rufen diese Bilder hervor – je nach Generation werden sie sehr verschieden sein – Provokation, Zwiespalt, Scham, Selbstzweifel ?

Diese Bilder sind Anstoß zum Weiterdenken – von dem Punkt aus, wo jeder Einzelne derzeit steht.

Susanne Lambrecht

Kunstjournalistin und Kunsthistorikerin, Berlin / Cottbus

 

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