ausstellungstext - german fragments II galerie rowland/kutschera 2008

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Liebe Kunstfreunde,

David Rowland und Frank Kutschera haben mich erneut eingeladen, um ein paar Worte zum Auftakt dieser zweiten Vernissage der Galerie Rowland-Kutschera zu sprechen und es ist mir eine Freude und Ehre dies zu tun, da ich dem Künstler Daniel Sambo-Richter schon seit Jahren freundschaftlich verbunden bin.

Wie schon bei dem vorherigen, in dieser Galerie ausgestellten Künstler, wird durch die heutige Ausstellung eine Brücke zwischen New York und Berlin geschlagen, ein zentrales Anliegen von David Rowland und Frank Kutschera, den Gründern der Galerie.

War Thomas Möller ein Künstler, der vorwiegend in New York arbeitet und hier seine erste Ausstellung in Berlin feiern konnte, so ist Daniel Sambo-Richter als Wahlberliner jemand, der seit 7 Jahren hier lebt und arbeitet und seine letzte große Einzelausstellung ‚REAL’ in New York präsentieren konnte.

Wer Daniels Arbeiten und seine künstlerische Entwicklung - so wie ich - seit einigen Jahren verfolgen konnte, wird ohne Schwierigkeit eines feststellen: er passt nicht in das System, demzufolge jeder Künstler einen wiedererkennbaren Stil haben muss. Daniel verweigert sich bewusst dieser Schablone und hat sich mit gewissem Trotz zu einem Spezialisten der kaleidoskopartigen Vielfalt entwickelt.

Monochrome Farbflächen und Streifen, abstrakte Landschaften mit energischen Farbbewegungen, die tiefe suggestive Räume hervorrufen, waren Markenzeichen seiner Arbeit der 90er Jahre.

In einem nächsten Schritt entwickelte Daniel eine Reihe von abstrakten Portraits, bei denen die Individualität der Portraitierten in den Hintergrund trat und das Hauptmotiv durch den jeweiligen Gemütszustand bestimmt wurde. Die Emotion wurde damit selbst Gegenstand des Portraits.

Die ersten naturalistischen Portraits von Daniel konnte man vor zwei Jahren in einer Ausstellung in Potsdam sehen. Mit seiner Werksfolge von Babyportraits ging Daniel Sambo-Richter an den Ursprung zum Thema Portrait und Ausdruck. Dieser Ursprung mussten Babybilder sein. Sie sind nach Daniels Auffassung die Basis, wo sich Emotionen unverfälscht zeigen und so auch den Betrachter soweit wie möglich von allen äußeren Einflüssen befreit. Einige der Babybilder sind auch hier in der Ausstellung zu sehen.

Und jetzt dies, was uns heute präsentiert wird: ‚German fragments’, - ‚Deutsche Bruchstücke’, in New York bezeichnenderweise unter dem Titel ‚REAL’ ausgestellt. Die Reaktionen der Besucher in New York, und ich kann mich noch gut daran erinnern, weil ich bei der dortigen Ausstellungseröffnung zugegen war, waren in aller Regel sehr einfach. Die Betrachter erfreuten sich an Sportlerdarstellungen, blonden Mädchen und Bauern mit Filzhüten. Eben das, was viele mit Deutschland in Verbindung bringen. Bruchstücke oder ‚fragments’ deutscher Realität.

Ganz anders fällt unsere Betrachtung aus und sie muss auch ganz anders ausfallen, insbesondere hier in Berlin, der Stadt, in der die Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit nahezu täglich geschieht. Beutekunst, Holocaustdenkmal, Jahrestage der Erinnerung an Widerstand und KZ-Befreiungen. Unsere Betrachtung ist politisch und das ist auch richtig so. Wir sehen hier z.B. Leni Riefenstahls Portrait und die Sportlerdarstellungen und denken an die Olympiade 1936 und an den Naziterror.

Wir tun dies, weil das damalige ideologische System das ästhetische System okkupierte und pervertierte. Unsere heutige Sichtweise, politisch motiviert, wird durch diese damalige Okkupation und Perversion gleichsam dominiert.

Doch wenn wir versuchen, und sei es nur für einen kurzen Augenblick, uns davon zu befreien und uns auf die Bildersprache von Daniel Sambo-Richter einzulassen, finden wir viel mehr in seinen Bildern als vielleicht zunächst erwartet, denn sie besitzen auch eine eigene Magie.

Ich möchte an dieser Stelle zur Verdeutlichung einige Bilder herausgreifen. Zum Beispiel das seines Großvaters, der als Pfarrer der Bekennenden Kirche im KZ Dachau sein Leben verlor. Daniel kennt ihn nur aus Erzählungen und einem kleinen Passbild, aus dem dieses wunderbare Portrait entstanden ist, was dem Betrachter so viel mehr über den Portraitierten Paul Richter, aber auch über den Künstler Daniel Sambo-Richter und seine persönliche Auseinandersetzung mit der deutschen Vergangenheit allgemein und der persönlichen Geschichte seiner Familie im Besonderen sagt als dies ein schlichtes kleines Foto könnte.

Ein weiteres Herzstück der Ausstellung ist meines Erachtens das Stauffenberg-Dyptichon. Übrigens, und das scheint mir an dieser Stelle erwähnenswert, entstand dieses Bild bevor sich Tom Cruise zu seinem persönlichen Walkürenritt entschloss, der demnächst in den Kinos zu sehen sein wird. Die eine Hälfte des Dyptichons zeigt uns eine naturalistische Nachempfindung des ikonenhaften Portraits, das in nahezu allen Geschichtsbüchern über den Widerstand im Dritten Reich abgebildet ist. Die andere Hälfte hätten die Kunstwächter der Nazis mit Sicherheit auf dem Scheiterhaufen der sog. „entarteten Kunst“ verbrannt. Sie zeigt Daniels andere Sichtweise und, so hat er im persönlichen Gespräch einmal erläutert, die seiner Auffassung nach vorhandene Verstrickung auch dieser Widerstandsikone in das NS-Unrecht.

Ich möchte an dieser Stelle die öffentliche Einzelbetrachtung von Werken in der Ausstellung abschließen, nein, eher abbrechen und Ihnen allen die Möglichkeit der individuellen Auseinandersetzung mit den Bildern und dem Künstler Daniel Sambo-Richter geben.

Lassen Sie sich auf die Bilder ein, fühlen Sie Ihren inneren Widerstand, fühlen Sie sich provoziert, vielleicht angesprochen, vielleicht berührt, alles ist möglich, erlaubt, gewollt und beabsichtigt, mit einer Ausnahme: unbeteiligt davor oder daneben zu stehen.

In diesem Sinne wünsche ich uns einen spannenden Abend. Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

Kai Hennig

(Deutsche Botschaft London)

 

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