ausstellungstext - hysteria xxxxxxxxxxx inter-galerie 2006

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„HYSTERIA“

Daniel Sambo-Richter

Eröffnung: Freitag, 23. Juni 2006

 

In einer kurzen Erzählung von Haruki Marakami steht der Protagonist vor einer ganz alltäglichen, aber schier unlösbaren Aufgabe. Er hat vor sich genau das, was er sucht [ersehnt, benötigt, liebt etc.] und ist nicht in der Lage, danach zu greifen.

Er begegnet nämlich eines schönen Morgens dem 100%igen Mädchen. Sie ist nicht besonders hübsch und auch nicht besonders auffällig, aber trotzdem weiß er schon aus fünfzig Meter Entfernung: Sie ist für mich das 100%ige Mädchen. Bei ihrem Anblick dröhnt es in seiner Brust, und sein Mund ist trocken wie eine Wüste. Sie geht von Osten nach Westen und er von Westen nach Osten. Sie können sich also begegnen und er möchte Sie ansprechen, wenn auch nur für eine halbe Stunde. Er möchte von ihrem Leben erfahren und ihr von seinem erzählen. Die Chance sie kennen zu lernen, pocht an die Hülle seines Herzens. Was könnte, was wollte er alles mit ihr tun und machen und wie vergnüglich wäre die Erforschung des Gedankens warum sie sich ausgerechnet hier und heute begegnen ... Sie ist nur noch 15 Meter von ihm entfernt. Also, wie soll er sie ansprechen? „Guten Tag. Würdest du dich kurz mit mir unterhalten? Nur eine Halbe Stunde?“ Das klingt ziemlich albern. Wie ein Versicherungsvertreter. „Entschuldigung, gibt es hier in der Nähe eine 24-Stunden Reinigung?“ Klingt genauso albern und würde sie ihm so ohne Wäschesack auch nicht abnehmen. Vielleicht sollte er sie – so überlegt er – einfach ganz offen ansprechen. „Hallo Du bist für mich das 100%ige Mädchen.“ Wird sie ihm glauben? Oder ihn vielleicht ablehnen mit dem Hinweis darauf, dass sie ja vielleicht das 100%ige Mädchen für ihn, aber er für sie ... Das findet er ziemlich wahrscheinlich. Vor dem Blumenladen geht er an ihr vorbei. Ein warmer Luftzug streift seine Haut. Der Asphalt ist mit Wasser besprengt, und ringsum verbreitet sich Rosenduft. Er kann sie nicht ansprechen. Als er sich nach einigen Schritten nach ihr umdreht, ist ihre Gestalt bereits in der Menschenmenge verschwunden.

Das Misstrauen, das uns beim Betrachten von Bildern und auch Photographien immer wieder beschleicht, ist, welcher Inhalt verbirgt sich hinter diesen Oberflächen. Ist das was wir sehen, was es ist. Müssen wir reagieren? Gibt es also eine Referenz zwischen Inhalt und Oberfläche. Verweist das Sichtbare auf etwas Inhaltliches? Oder sind es doch nur wirkungsvoll gestaltete Oberflächen?

Sollten wir aufgrund solcher Fragen mit Verunsicherungspotential etwa hysterisch werden?

Daniel Sambo-Richter meint wohl: ja, wenn er uns unter diesem Titel einlädt seine neusten Arbeiten zu betrachten.

Herzlich Willkommen zur Ausstellung: HYSTERIA von Daniel Sambo-Richter

Ein erster Rundgang zeigt eine große Anzahl von Bildern, auf dessen zum Teil abstrakten, zum Teil expressiven Hintergründen aggressive bzw. hysterische „Köpfe“ [Gesichter mit hysterischer Mimik, etc...] von Menschen zu sehen sind.

Manche, die Sambo-Richter schon länger verfolgen, mögen überrascht sein: wo sind denn seine rein abstrakten Bilder? Warum werden diese jetzt plötzlich von Figuren bzw. Köpfen bevölkert? Hat ihn die zeitgenössisch-leichtfertige Figürlichkeit nun auch erwischt? Dabei kommt er doch gar nicht aus einer bestimmten sächsischen Großstadt ... Plötzlich tauchen diese Köpfe keinesfalls auf. Der aufmerksame Beobachter konnte schon in seinen letzten Ausstellungen die zum Teil aus abstrakten Flächen oder ganz in der Freiheit einer Tuschzeichnung entwickelten Gesichter betrachten.

Daniel Sambo-Richter zeigt in seinen neusten Arbeiten vor allem Gesichter, schreiende, schmerzverzerrte Gesichter, die Unbehagen auslösen müssten. Diese Gesichter hier aber erscheinen uns seltsam vertraut, aber warum? Kennen wir die Dargestellten persönlich? Meistens wohl nicht – abgesehen vom Motiv der Einladungskarte – handelt es sich erst einmal um anonyme Gesichter. Gesichter die wir täglich im Fernsehen, in den Zeitungen und im Internet antreffen können. Alle sind meist in seltsam aufgeregten Zuständen gezeigt: schmerzverzerrt, schreien, brüllend, ekstatisch. Beim Versuch einer Stimmungswiedergabe erweist sich der Superlativ als einzig adäquate Dimension der Beschreibung. Haben wir uns nun zu intensiv mit den Dargestellten und ihren Befindlichkeit beschäftigt oder haben wir diese Posen nur allzu oft schon gesehen, so dass uns das Gezeigte alltäglich vertraut, wir mit den Agierenden aber keineswegs vertraut sind. Die bloße Hektik und Häufigkeit dieser Bilder und die daraus folgende Beliebigkeit stellt ein aktives menschliches Reagieren grundsätzlich in Frage und lässt unsere Reaktionen zu bloßen Reflexen beim Betrachten der Bilder verkommen.

Aber vielleicht sind wir ja den Dargestellten tatsächlich schon einmal begegnet.

Vor langer, langer Zeit lebte einmal ein Junge und ein Mädchen. So beginnt unser Protagonist vom Anfang eine – wie er meint – traurige Geschichte zu erzählen. Der Junge war achtzehn und das Mädchen sechszehn Jahre alt. Der Junge sah nicht besonders gut aus und auch das Mädchen war nicht besonders hübsch. Ein einsamer und gewöhnlicher Junge und ein einsames gewöhnliches Mädchen, wie man es überall auf der Welt findet. Doch glaubten sie fest daran, dass es nirgendwo auf dieser Welt ein Mädchen oder einen Jungen gibt, der 100%ig zu ihnen passt. Ja sie glaubten an ein Wunder. Und dieses Wunder geschah. Eines Tages begegneten sich die beiden zufällig an einer Straßenecke. „Unglaublich“ sagte der Junge zu dem Mädchen, „ich habe dich schon die ganze Zeit gesucht! Ob du es glaubst oder nicht, du bist für mich das 100%ige Mädchen.“ Und das Mädchen erwiderte: „Und du bist für mich der 100%ige Junge. Genau wie ich ihn mir vorgestellt habe. Es ist wie im Traum.“ Die beiden setzen sich auf eine Parkbank, halten sich die Hände und reden in einem fort, ohne dass ihnen langweilig wird.

Aber beide werden misstrauisch und zweifeln. Darf das wirklich sein, dass ein Traum in Erfüllung geht?! Und so beschließen sie, sich auf die Probe zu stellen. „Wenn wir wirklich 100%ig füreinander geschaffen sind, werden wir uns bestimmt wieder begegnen. Beim nächsten Mal wissen wir, dass wir 100%ig füreinander bestimmt sind, ...“ Und so trennten sie sich ...

Nun das Ende der Geschichte ist schnell erzählt. Beide erkranken wenig später an einer Grippe, die vor allem die Erinnerungen schädigt und so vergessen sie einander. Und eines schönen Morgens geht ein Junge von Westen nach Osten und ein Mädchen von Osten nach Westen und begegnet dem 100%igen Mädchen ...

Trauen wir uns, noch zu sehen, was wir sehen, oder reagieren wir nur noch mit Reflexen auf unsere Bilderwelt.

Glauben wir noch das, was wir sehen? Oder retten wir uns hinter die wohltuende Verheißung: Es sind ja nur Bilder und allzumal inhaltsleere Oberflächen, unendlich oft reproduziert und simuliert.

Mir erscheint unsere Umgang mit Bildern heute vergleichbar mit dieser ja fast tragischen Leichtfertigkeit und Unfähigkeit des Protagonisten. Vielleicht sind wir alle betroffen von einer unsere Erinnerung ständig auslöschenden Grippe. Oder warum sind wir – so zeigen es uns die Bilder von Daniel Sambo Richter – so resistent geworden im Anbetracht von so vielen hysterisch schreienden und kreischenden Menschen, auf die wir in keiner Weise mehr zu reagieren in der Lage sind ...

Vielleicht hat Sambo-Richter deshalb den behaglichen Raum der eigenen malerischen Expression und die Erhabenheit der Abstraktion verlassen, weil er nicht umhinkommt diese vermeintlich alltäglichen Bilder sehen zu müssen und die Begegnung mit dem zu Sehenden konkret werden zu lassen. Indem er diese aus ihrer beliebigen Oberfläche herauslöst und durch seine malerische Aneignung durchdringt und zurück in die Lebendigkeit führt.

Sambo-Richter nimmt diese Motive ernst und reagiert, er malt Bilder, die von einem „Reagieren-Müssen“ zeugen. Er sucht den Inhalt hinter den Oberflächen und lässt sich nicht nur mit den Reizvollen Konstellationen abspeisen.

Schauen sie sich also die Bilder von Daniel Sambo-Richter vielleicht auch unter diesem Aspekt genauer an: Sie werden vielleicht feststellen, dass sich für den Künstler hinter einer Oberfläche immer ein Inhalt verbirgt und im Falle eines Gesichtes - ein Mensch.

Und vielleicht erinnern sich ja auch wieder und wissen, wie unser Held am Ende der Erzählung:

„Ja, so hätte ich sie ansprechen müssen ...“

 

Ich danke für die Aufmerksamkeit!

 

Kristian Jarmuschek

(unter Verwendung von Auszügen der Erzählung:

„ Als ich eines schönen Morgens im April das 100% Mädchen traf“

von Haruki Murakami)

 

Hysterie:

„Auf psychotischer Grundlage beruhende oder aus starker Gemütserregung entstehende, abnorme seelische Verhaltensweise mit vielfachen Symptomen ohne genau beschriebenes Krankheitsbild“

 

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