ausstellungstext - neuzeit waschhaus kunstraum potsdam 2013

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Rede zur Ausstellungseröffnung „Neuzeit / Daniel Sambo-Richter – Malerei“, Waschhaus / Kunstraum, Potsdam, 06.06.2013

 

Diese Ausstellung trägt den Titel „Neuzeit / Daniel Sambo-Richter – Malerei“.

Worum geht es?

1.

Hinter dem mit reichlich Sarkasmus verwendeten Wort „Neuzeit“ verbirgt sich Daniel Sambo-Richters Abrechnung mit der Gegenwart. Der Künstler rückt die Themen Krieg, Zerstörung (auch die Zerstörung der Natur) und Leiderfahrung ins Zentrum seiner Betrachtung.

2.

Es findet eine Auseinandersetzung mit dem Medium Malerei statt.

 

Zuerst einmal:

Ich finde gut, dass Daniel Sambo-Richter, sich nicht in die Höhle des Hermetischen zurückgezogen hat, in der die Künstler der Moderne und Postmoderne so gern hocken.

Aber: Nicht von ungefähr hat der Künstler in der zentralen Blickachse dieses Raumes sein Bild „Eis II“ von 2013 positioniert, ein Bild, das zuallererst bläulich Farbkruste ist, eine Landschaft reliefartiger farbstofflicher Abstufungen, der zwischen den Keilrahmen eingefangene kalte Atem menschlicher Hybris, der die Pole zum Schmelzen bringt.

Umringt von US-Kriegern, den „Warriors“, den Porträts der Serie „D-Day“ von 2007 sowie weiteren Soldatenbildnissen von 2009, präsentiert Sambo-Richter ein Landschaftsbild, was nichts anderes meint, als dass bei aller tagespolitischen Interessiertheit, bei allem Nachdenken über das Brüllen des außerhalb der Kunst Liegenden, der Maler nicht verzichten kann auf eine Gegenstandsbewältigung, die scheinbar im Weltabgewandten angelegt ist.

Ein Kunstkniff, der Sambo-Richter gelungen ist. Denn es wäre angesichts dieses durch und durch schönen, poetischen Bildes reiner Kälteerfahrung fatal, ihm das Etikett des Militärmalers anzuheften oder des politisch korrekten Realisten, der nur ein Illustrator des Banalen ist.

Im Obergeschoß befindet sich ein etwas kleineres Format mit gleichem Motiv („Eis I“). Auch dort gefrostete Vorahnung als Leinwandereignis, die malerische Bewältigung höherer Schwierigkeitsgrade bei der pinselgetreuen Abtastung des Phänomens der globalen Erwärmung. Diese Bilder sind gut, weil sie dem Grauen widerstehen. Sie illustrieren nicht.

Sie sind aber auch nicht etwa harmlos, sondern so in Farbe gebadet, dass sie ganz von Material und daran gebundener Form gehalten werden. Solche Bilder beweisen, dass der Inhalt von Bildern erst in zweiter Linie von Bedeutung ist. Wenn also Sambo-Richter in der ganzen Ausstellung auf die Pauke haut mit diversen Schreckensflecken der Neuzeit, dann sind es gerade diese leisen Bilder, sind es Farbe und Form selbst, die gebundene Bildsprache, die Stütze gibt.

Ähnlich verhält es sich mit den Feuer-Motiven der Serie „Natur“ von 2013. Weil Feuer und Vernichtung nicht als vordergründige, erbarmungslose Grauensschilderung auf dem Seziertisch liegen, sondern per Bild sublimiert werden, bleiben wir verschont von den Auswirkungen schwefeligen Schockmitteleinsatzes. Weil Sambo-Richter es versteht, aus der Farbe zu denken, die Farbe fließen zu lassen, verhindert er, dass derartige Bilder nur mehr als Degenerationserscheinungen ihrer Spezies wahrgenommen werden.

Wenn realistische Darstellungen das geheime Wesen eines Bildes preisgeben, dann sind sie gut. Sambo-Richters poetischer Malmittelgebrauch, bei dem die malerische Erzeugung einer dramatischen Disposition im Vordergrund steht und nicht das trivial Fassliche, ermöglicht seelische Anteilnahme.

Das trifft auf die Porträts der farbigen GIs in der „D-Day“-Serie genauso zu wie auf die afrikanischen Kindersoldaten.

Obwohl es mir schwerfällt, angesichts der mich berührenden Bilder von Technik und Fertigungsweise zu reden, möchte ich doch gleich anfügen, dass Sambo-Richter hier genau den richtigen Ton trifft, um ein Geschehen wiederzugeben. Er hat verstanden, dass er nicht den Brandmeister mimen muss am feurigen Modell. In der Kunst gilt es, die Empfindungsebene des sentimentalischen Berichterstatters zu vermeiden. Nur feuerfeste Edelspäne der Unterhaltungsindustrie sehnen sich nach den Anspruch verbrennenden Fahrstühlen von Hollywoods Blockbuster-Kino. Wasser marsch!

Wenn Sie sich die Bildhintergründe der Bilder dieser Ausstellung ansehen, wird ihnen auffallen, dass es hin und wieder nichtgegenständliche Farbflächen-Arrangements gibt. Das rührt daher, dass es in Sambo-Richters Schaffen auch eine abstrakte Linie gibt.

Die hiesigen Bilder kann (fast) jeder ohne Nachhilfe in Hermeneutik verstehen. Aber zuweilen schlägt Sambo-Richters Auseinandersetzung mit den Illusionspotenzialen malerischer Mittel durch – und dann wird es richtig interessant, wenn wir sehen, wie sich innerbildliche Bezugsrahmen bilden, Entgegensetzungen, Modelle, in denen der Künstler gegen sich selbst polemisiert und das vermeintlich Avantgardistische mit dem ausgelutschten Neo-Avantgardistischen im Streit liegt. Von welcher Qualität die durchscheinenden Selbstzweifel sind, ist mir noch nicht ganz klar. Oder handelt es sich lediglich um Spielpositionen? Noch sind die Bilder zu frisch, um eine abschließende Bewertung zu geben.

 

Gefragt werden müsste in diesem Zusammenhang sicherlich auch nach dem Stellenwert der Fotografie im Werk des Künstlers. Viele Bilder entstehen nach Fotovorlagen, die Sambo-Richter in Büchern, Zeitschriften und Internet-Archiven findet. Die Bedeutung von Autorenschaft und Signatur zu hinterfragen, wäre einen weiteren Gedanken wert.

Auf jeden Fall ganz bei sich ist Sambo-Richter in seinen kleinformatigen Zeichnungen und farbig gehöhten Blättern, die im Obergeschoß zu sehen sind. In einer Mischung aus Graphit, Öl und Rötel, flächendeckenden Schraffuren, flirrenden Linienkürzeln, legt der Künstler Porträts oder Figurenbilder von Soldaten diverser Kriege und diverser Armeen an. Natürlich kann man mit den Worten von Damien Echols sagen: „ Normale Menschen bringen nicht andere Menschen um. An Mördern ist etwas fundamental Gestörtes.“* Aber genauso häufig hören wir auch, wie das Bild des „Staatsbürgers in Uniform“ bemüht wird.

Man muss nicht im Krieg gewesen sein, um wahrzunehmen, dass in diesen Figuren fragmentierten Seins, denen nichts als Sterben, Scheitern und Verlieren in Gesicht und Körper eingeschrieben steht, die tiefe Reflexion der menschlichen Existenz atmet. Und hier spricht Daniel Sambo-Richter in der Tonlage meditierender Beschreibung – in leichter Neigung zum Pathos, aber, vielleicht auch beeinflusst durch Erich Maria Remarque, definiert durch den Bruch mit Werten und Ordnungen.

 

Ich wünsche dieser klar gegliederten und diskursoffenen Ausstellung viele an zeitgenössischer Malerei interessierte Besucher.

 

* Damien Echols: Mein Leben nach der Todeszelle, München 2013

 

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