ausstellungstext - malerei vattenfall europe mining & generation 2009

back

 

Ausstellungseröffnung Sambo-Richter Vattenfall Cottbus, 19.05.09

 

Sehr geehrter Herr Hassa, lieber Daniel, meine sehr verehrten Damen und Herren,

Die Amtseinführung von Barack Obama zum amerikanischen Präsidenten am 20. Januar 2009 hat nicht nur in Amerika, sondern vielerorts auf der Welt für großen Jubel und für die Hoffnung auf tiefgreifende politische und gesellschaftliche Veränderungen gesorgt. Zum ersten Mal in der Geschichte bekleidet ein Schwarzer dieses vielleicht wichtigste politische Amt auf der Welt. Er macht damit deutlich, dass gesellschaftlicher Wandel auch vor den zentralen Funktionen und Aufgaben nicht halt macht. Barack Obama ist zu der vielleicht wichtigsten Symbolfigur für die schwarze Bevölkerung Amerikas geworden und steht sowohl für die gesellschaftliche Gleichberechtigung zwischen Schwarzen und Weißen, als auch für eine Politik des Umdenkens.

Wenn Sie in dieser Ausstellung neben einer ganzen Reihe anderer die Portraits schwarzer GI’s aus dem 2. Weltkrieg sehen, so ist das in gewisser Hinsicht nicht nur ein künstlerischer Kommentar zum gesellschaftlichen Umgang mit Minderheiten, sondern in Hinblick auf die Kunst ebenfalls Ausdruck für ein grundlegendes Umdenken. Ich habe meinen kurzen einführenden Text zum Katalog dieser Ausstellung mit dem Titel „Bilderpolitik“ überschrieben, denn um nichts anderes geht es in der Malerei von Daniel Sambo-Richter, insbesondere was seine Portraits anbetrifft.

Seit einigen Jahren ist die Königsgattung des Portraits - also eine der prominentesten Aufgaben für Künstler in der Kunstgeschichte - in den Mittelpunkt seines Schaffens getreten und man tut sich als Betrachtender zunächst vielleicht etwas schwer, sich in dieser Galerie bekannter und unbekannter Persönlichkeiten zu orientieren. Wir sehen schwarze Gi’s des 2. Weltkriegs in Ausgehuniform, amerikanische Soldaten im Kampfanzug mit den Attributen der modernen Informationstechnologie, aber auch einen etwas antiquiert erscheinenden Herrn mit Bart und großem Hut. Auf der anderen Seite stehen diesen militärischen Bildnissen der amerikanischen Geschichte Figuren gegenüber, die uns in diesem Zusammenhang irritieren, weil sie eine befremdende Genealogie „deutscher“ Bildnisse vereinen: Eine blonde Speerwerferin zum Beispiel oder das Doppelbildnis des deutschen Widerstandskämpfers Claus Schenk Graf von Stauffenberg.

Eine der zentralen Fragen dieser Ausstellung ist, wie die Auswahl von Persönlichkeiten aus der Geschichte und der Gegenwart zustande gekommen ist und wie die Dargestellten miteinander in Beziehung stehen. Denn diese Bezüge lassen sich nur kaum aus den historischen Zusammenhängen herstellen, sondern gehorchen – und das wird sehr schnell offensichtlich – einer anderen übergeordneten Idee bzw. wie wir in der bildenden Kunst sagen: einem Konzept.

Und so wenig man die realistische und beinahe altmeisterliche Portraitmalerei Daniel Sambo-Richters als Konzeptkunst bezeichnen möchte, so deutlich wird dennoch, dass der Künstler mit seiner Arbeit ein Konzept verfolgt. Und zwar ein Konzept, das mit aufmerksamen Fragen an die Geschichte und mit unserem Umgang mit Bildern in Zusammenhang steht.

Auch im Rahmen dieser Präsentation können Sie, meine Damen und Herren, den immensen Wechsel nachvollziehen, den Sambo-Richters Kunst in den zurück liegenden Jahren vollzogen hat. Denn neben den neueren Portraits stehen einige Beispiele seiner abstrakten Malerei, die den Beginn seiner Kunst nach dem Studium in Dresden während der 1990er Jahre bestimmte. Die abstrakte, also gegenstandslose Kunst bot Daniel Sambo-Richter wie vielen seiner Kolleginnen und Kollegen zunächst einen unbegrenzten Freiraum, um sich malerisch zu entfalten und seine technischen Fähigkeiten in jeder Hinsicht auf überzeugende Weise zu verfeinern. Dieser künstlerische Freiraum hat vielleicht gerade vor dem eigenen biographischen Hintergrund insofern seine Berechtigung, als die Abstraktion nicht mit Inhalten und politischen Bedeutungen überfrachtet war, sondern sich zunächst auf ureigene künstlerische Probleme, auf Fragen nach Komposition, nach Kontrastierung und Farbwahl konzentrierte. Und wie die wenigen hier gezeigten Beispiele verdeutlichen, hat es der Künstler binnen weniger Jahre zu einer Meisterschaft in der abstrakten Malerei gebracht, die den Vergleich mit anderen prominenten Künstlern, wie z.B. Gerhard Richter, nicht zu scheuen braucht.

Daniel Sambo-Richter hätte diesen einmal eingeschlagenen Weg sicher noch einige Jahre weiter verfolgen und seine Meisterschaft in Bildanlage und Komposition weiter verfeinern können.

Und doch hat die abstrakte Kunst mit ihrer Konzentration auf rein kunstimmanente Fragestellungen offenbar deutliche Grenzen aufgezeigt und den Künstler zu einem radikalen Neuanfang veranlasst. Einem Neuanfang, der sich nun dem Gegenstand, der Narration – also der Bilderzählung - und nicht zuletzt der menschlichen Figur als prominentestem Motiv seiner Bilder der zurück liegenden Jahre zuwendete.

Ich möchte einmal die These wagen, dass diese radikale Kehrtwende durchaus auch einer spezifisch deutschen Gedanklichkeit entspricht und durch die eigene Biographie des Künstlers, durch seine Kindheit und Jugend in der DDR, durch die familiären Beziehungen zum deutschen Widerstand im dritten Reich und die Erfahrungen nach der Wende von 1989 motiviert war. Gerade die zurück liegenden 20 Jahre haben noch einmal zu einer vollkommen veränderten und aufmerksamen Aufarbeitung der deutschen Geschichte beigetragen und so nimmt es nicht wunder, dass auch Daniel Sambo-Richter sich diesem Thema im Rahmen seiner Werkgruppe „German Fragments“ ganz dezidiert annimmt, nachdem er sich die Abstrakte Kunst bereits vollkommen angeeignet hatte.

Ich sprach eingangs von einer Bilderpolitik – also von einem ganz bewussten und zielgerichteten Einsatz von Bildern, den uns insbesondere die modernen Massenmedien jeden Tag aufs neue vor Augen führen. Beinahe rund um die Uhr werden wir mit visuellen Informationen versorgt, die einer subtilen Regie gehorchen und uns genau das zeigen, was man uns zeigen will und was man für wesentlich hält, gezeigt zu werden. Ich spreche ganz bewusst von einer Regie, denn trotz der Freiheit unserer Medien und der Presselandschaft, können auch Fernsehsender und Nachrichtenmagazine nur die Bilder zeigen und in ihre Informationen integrieren, die von offizieller Seite für eine Veröffentlichung freigegeben werden. Besonders deutlich wird das z.B. an der Berichterstattung aus den Krisengebieten der Welt, von den Kriegsschauplätzen in Afghanistan oder dem nahen Osten. Es sind immer wieder die gleichen Bilder, denen wir uns gegenüber sehen. Bilder von Kriegstoten, zerbombten Städten und obdachlosen Menschen, Bilder von Befreiungshelden auf der einen und Schurken, Terroristen und Kriegsverbrechern auf der anderen Seite.

Was wir so gut wie nie zu sehen bekommen, sind die Bilder des Alltags. Bilder von Menschen also, die sich in den Krisengebieten tagtäglich einrichten, ihren Jobs nachgehen, Kinder groß ziehen und eine gewisse Lebensnormalität herzustellen versuchen.

Gerade die Kriegsberichterstattung ist signifikant für die immer noch stattfindende Selektion von Bildern, die für die Öffentlichkeit geeignet erscheinen. Und die jahrelange mediale Berichterstattung über das amerikanische Gefangenenlager Guantanamo ist nur eines der traurigen Beispiele dafür, wie die Bilder einer übergeordneten Politik zu gehorchen haben. Erst Jahre später kamen Aufnahmen und Fotos der Wirklichkeit ans Tageslicht, die die hässliche Fratze des Kampfes gegen den Terrorismus offenbarten. Auch hier hat mit der Wahl Barack Obamas ein grundlegendes Umdenken eingesetzt.

Ich habe dies alles nur erwähnt, um Ihnen meine Damen und Herren, einen anderen Zugang zu den Portraits von Daniel Sambo-Richter nahe zu bringen und die Frage zu beantworten, warum sich ein junger Künstler ausgerechnet dem Portrait so prominent zuwendet. Warum er amerikanische Bürgerkriegsgeneräle aus dem 19. Jahrhundert neben schwarze Gis aus dem 2. Weltkrieg stellt, warum neben den Bildnissen deutscher Widerstandskämpfer wie Graf Stauffenberg und dem in Dachau ermordeten Großvater des Künstlers, Pfarrer Paul Richter, plötzlich Bildnisse einer deutschen Sportlerin der 30er Jahre oder der Filmregisseurin Leni Riefenstahl stehen.

Letztlich sind es immer die Bilder von Menschen, von herausragenden Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Wirtschaft, die wir mit einer bestimmten Zeit in Verbindung bringen und die wir gleichsam zu Symbolfiguren stilisieren. Und wir unterliegen bei dieser Auswahl immer den Erkenntnissen unserer Zeit, den historischen Forschungen und den politischen Grundüberzeugungen. Demzufolge werden Bilder anderer Figuren der Geschichte in den Hintergrund gedrängt, weil sie nicht opportun sind oder wir zu viele negative Erinnerungen mit ihnen in Verbindung bringen. Diese Auswahl von Bildern, Menschen und Symbolfiguren unterliegt einem permanenten Wandel, der durch die geschichtlichen Entwicklungen und die Leitbilder von Gesellschaften bestimmt wird.

Wenn also Daniel Sambo-Richter ein Portrait des Generals Custer, der im 19. Jahrhundert als Held für die Unterwerfung der Indianer in Amerika gefeiert wurde, den Portraits schwarzer Gis gegenüberstellt, wenn er in seinen „German Fragments“ ein Portrait von Leni Riefenstahl neben das Bildnis Stauffenbergs stellt, dann fragt er nach der historischen Funktion von Bildern für die Menschen der jeweiligen Epoche. Er stellt gewissermaßen eine historische Blickperspektive neben unsere zeitgenössische und versucht so, sich der Wahrheit hinter den vordergründigen Bildnissen anzunähern.

Denn letztlich hinterfragen seine subtilen Portraits auch unsere Projektionen auf bestimmte Personen, unsere uneingeschränkte Bewunderung oder unsere Ressentiments, die nicht selten weniger aus unserem eigenen Urteil als vielmehr aus einem öffentlichen Bild von einer historischen Persönlichkeit resultieren.

Mit anderen Worten: Daniel Sambo-Richters Portraits untersuchen nicht nur die Funktionen, Aufgaben, Möglichkeiten und Grenzen einer ebenso prominenten wie omnipräsenten Gattung, sondern sie wollen uns gleichermaßen sensibilisieren für unseren Umgang mit öffentlichen und medial verbreiteten Bildern und unseren Umgang mit den Menschen hinter diesen. Sie versuchen einem traditionellen und in der Kunstgeschichte der letzten 500 Jahre häufig funktionalisierten Bildtypus neue Qualitäten abzugewinnen, die es in unserer Gegenwart möglich machen, nach wie vor künstlerische Portraits von Menschen anzufertigen.

Ein gutes Beispiel dafür sind die Portraits von schwarzen Gis, die am sogenannten D-Day teilnahmen und Europa vom Nationalsozialismus befreiten. Derlei Portraits spielten in der damaligen amerikanischen Berichterstattung kaum eine Rolle, denn selbstbewusste schwarze Soldaten kamen im Selbstverständnis der USA zu dieser Zeit noch kaum vor. Insofern nimmt es nicht wunder, dass das Fotoarchiv, das die Grundlage für die Portraits von Sambo-Richter bildete, erst vor wenigen Jahren in London entdeckt wurde. Diese jungen Männer als Befreier in unser Bewußtsein zu bringen, ist ein Verdienst der künstlerischen Arbeit des Malers. Denn jenseits der offiziellen Medien zeigt uns Sambo-Richter selbstbewusste junge Schwarze, die sich 1937 ebenso einer freiheitlichen Idee verschrieben haben, wie ihre weissen Kameraden.

Wenn wir auf der anderen Seite ein Portrait der Guantanamo-Kommandantin Janis Karpinskiy sehen, dann wird sehr schnell deutlich, wie sehr diese Frau trotzt ihrer militärischen Unifom und ihrer Funktion ganz auf sich selbst zurückgeworfen ist und als beinahe tragische Figur vor uns steht. Zwar hat sie einem Auftrag gehorcht und diesen ausgeführt, muss aber dennoch als Mensch Verantwortung für das übernehmen, was unter ihrer Ägide geschehen ist.

Diese nuancierten Beobachtungen sind anhand von Fotografien oder Fernsehberichten kaum möglich. Erst ein gemaltes Portrait und der subjektive Blick eines Künstlers vermögen es, aus einem Bild ein Bildnis der Person zu entwickeln und sie mit allen ihren persönlichen Merkmalen zu charakterisieren.

Insofern versuchen die Portraits von Daniel Sambo-Richter unsere Wahrnehmung von Persönlichkeiten, von wahren und verkannten Helden, von verantwortlichen Tätern und tragischen Mitläufern, im Medium der Malerei zu sensibilisieren. Gerade die Malerei vermag es, nicht nur die Ambivalenz der dargestellten Personen, sondern auch die Ambivalenz unserer öffentlichen Wahrnehmung dieser Menschen zum Ausdruck zu bringen.

Sie zwingt uns - gerade in der Gegenüberstellung historischer und gegenwärtiger Persönlichkeiten - genauer hinzusehen und Fragen an das zu formulieren, was wir vor uns sehen. Jahrhundertelang hatte das gemalte Portrait die Aufgabe, Menschen in ihren Funktionen, in ihrer Macht und Bedeutung zu inszenieren und diente nicht selten ihrer Verklärung. Im Gegenüber zu heutigen Fotografien und Medienberichten sind Daniel Sambo-Richters gemalte Portraits dagegen eher der Klärung verpflichtet, der aufmerksamen Hinterfragung ebenso menschlichen Handelns und Tuns wie unseres Umgangs mit visuellen Informationen.

Das Doppelbildnis Graf Stauffenbergs ist dafür in gewisser Hinsicht symptomatisch, denn es zeigt gleichermaßen das intakte Bildnis der historischen Person, wie die Verwischung ihrer subjektiven Identität durch eine gedankliche und politische Überfrachtung mit ganz bestimmten Funktionen.

An einigen Stellen werden Sie sich in dieser Ausstellung mit Blütenknospen konfrontiert sehen, die in dem dargestellten Zusammenhang vielleicht absurd wirken mögen und zunächst befremden. Gleichwohl untermauern auch diese heiteren Motive das, was ich Ihnen darzulegen versucht habe: Daniel Sambo-Richters kritischen Umgang mit unserer Bilderwelt, mit unseren wie auch immer gearteten Projektionen und unserem Hang zur Verklärung des Gesehenen.

Auf der anderen Seite zeigen sie das, was der Künstler auch ist: ein leidenschaftlicher Maler, der dem vielfach totgesagten Medium der Malerei immer wieder neue und faszinierende Facetten abzugewinnen weiß und auch traditionelle Gattungen gegenwartstauglich zu machen vermag.

Ich bedanke mich für Ihre Aufmerksamkeit und wünsche Ihnen anregende Momente in dieser Ausstellung.

Dr. Ralf Hartmann

Kunsthistoriker und Direktor des Kunstvereins Tiergarten Berlin

 

back