katalogtext - spaces and heads

 

Zwischen Idealem und dem Unbestimmten am Boden

Malerei von heute entwickelt wie eh und je Kraftfelder atmosphärischer Dichte, ganz gleich ob man ihre Schöpfer als Kombattanten der Avant- oder Retrogarde überführt. Malerei in ein progressives Entwicklungsmuster zu pressen oder ihr andererseits ihre traditionellen Bindungen vorzuhalten wie zu bestätigen, sagt etwas aus über den Stand der Kunst der Kunstkritik, nichts hingegen über die Permanenz des Malstroms als eines andauernden „Fests für die Augen“ (Delacroix).
Gerade in Zeiten, in denen die Übermacht einer Ästhetik als Gestaltung von Informationen für die Informationsgesellschaft in allen Bereichen mehr und mehr in den Vordergrund rückt, ist die Begeisterung der Jungen für die materiellen Grundelemente der Malerei, die Sehnsucht nach Unmittelbarkeit sowie nach dem Ikonischen ungebrochen.
Zerfällt auch die traditionelle Arbeitsteilung zwischen Kunst und Wirklichkeit, wie sie im industriellen Zeitalter noch geherrscht hatte und wurde die Stellung der Kunst als aufmerksamkeitsheischende Produzentin von Wahrnehmungsangeboten nachträglich erschüttert, die gestiegene Sensibilität etwa für die Strahlkraft und Temperatur der Farben schafft neue Attraktionspotentiale.

Das noch junge Werk des Berliners Daniel Sambo-Richter, der mit Interesse an den aktuellen Diskursen teilnimmt, ist nicht zu trennen vom Wandel der Bilder und ihrer Interpretationen. Es sollte insofern möglich sein, Sambo-Richters geometrisch-konstruktive Serie „Spaces of Possibilities“ mit einer bisher nicht gezeigten früheren Serie  von zehn expressiv gehaltenen „Köpfen“ (1998/1999) im Zusammenhang zu sehen, da Sambo-Richter seine Bildreihen immer auch gegen ästhetische Ausschließlichkeitsansprüche entwickelt hat, d.h. in ständigen Vor- und Rückgriffen, vergleichbar Duchamps Tür, die zwei Öffnungen und eine Füllung hat.
Sambo-Richter verlacht das System, demzufolge jeder Künstler einen wieder erkennbaren Stil haben muss, worauf er selbst bisher verzichtet hat, und erweist sich in seiner Haltung als gelehriger Nachfahr seines großen Namensvetters, aber auch anderen Spezialisten des kaleidoskopischen Blicks.
Damit ist die Richtung vorgegeben, Balancen zu finden zwischen visuellen Störfaktoren und dem radikalen Bild.

Bei oberflächlichem Hinschauen sieht die aktuelle Phase seines Werkes aus wie eine zweiteilige Programmsymphonie – einerseits grüßt der dramatische Impetus, der lodernde Feuerbusch, andererseits gibt es jenen malerischen Vortrag, der auf den kühl auftretenden, dominanten streifigen Effekt aus ist, aber durchaus auch mal lässig angekleckerte Übergangszonen vom Streifen in eine ausgezierte Reprise zulässt.
Der Betrachter wird in dieses Hin und Her hineingezogen, zugleich wird er auf Abstand gehalten. Nimmt man sich Zeit für eine eingehendere Untersuchung, springen einen die mit Mattlack auf Hartfaserplatten erarbeiteten „Köpfe“ an, meinen den Betrachter aber nicht direkt, denn Sambo-Richter porträtiert nicht und menschelt nicht, er komponiert. Bestimmtes und Unbestimmtes in der Form stehen nebeneinander. Ein „Kopf“ kann ein Ort innerer Geborgenheit sein, der Hinweis auf die Möglichkeit eines Augen-Blicks zwischen Wachtraum und Meditation. Zugleich ein Ausgangspunkt für Erkundungen, wenn Sambo-Richter mit dem Pinsel im Dunkeln rührt, im Fleckigen, Trockenen, aus dem, geboren aus offenen Mundhöhlen, lautlose Schreie zu kommen scheinen.
In der Serie „Spaces of Possibilities“ dann hat das Strenge, das Belichtete die Überhand. Vielleicht liegt es daran, dass Luzidität im Gegeneinandersetzen verschiedener Lacksorten (hochglänzend und seidenmatt) entsteht.
Während die „Köpfe“ nach innen verweisen, orientieren sich die Streifen wie Strahlen an einem Oben. Somit sind zwei Erkundungsziele genannt in zwei gleich stark ausgeprägten Zugriffsmodi in Farbe und Form.
Es sind nicht zwei Seelen, die da in des Künstlers Brust wohnen, denn auch in den Streifen-Kompositionen sind Aufbrüche und Überraschungen eingebaut und widerlegen die Auffassung, Sambo-Richter hätte sich zum Hermetiker entwickelt. Wie er seine Bilder auch konfiguriert, immer folgen sie Bewegungen auf die Wirklichkeit in ihren unterschiedlichen Daseinsformen zu – vom horizontal und wild wuchernden Myzel im expressiven Keimungsvorgang hin ins Vertikale, in Richtung der Kondenssteifen und weiter noch, … dorthin wo der Geist sich selber sucht.

Christoph Tannert
(Februar 2003)

 

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