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Bilderpolitik.

Daniel Sambo-Richters Analyse politischer Bilder in der Königsgattung der Portraitmalerei

 

Soldaten in Kampfanzug, GIs in Ausgehuniform, General Custer und die Abu Ghraib-Kommandantin Janis Karpinski. Das Personal, das Daniel Sambo-Richter in seinen neuen Arbeiten versammelt, liest sich wie eine Genealogie des amerikanischen Militärs seit 1800 im Spiegel aufblühender Natur. Es gleicht einer wehrhaften Ahnenreihe, die auf gegenwärtige Betrachtende zunächst befremdend wirken muss, angesichts soviel selbstbewußt zur Schau gestellter Macht und im Wissen um die medial aufbereiteten Militärskandale der Gegenwart. In seltener Einheitlichkeit scheinen bei Sambo-Richter die Uniformen aus Individuen verschiedener Epochen überzeugte Ausführende einer übergeordneten Idee zu generieren. Die Bildnisse sind geradezu altmeisterlich brillant angelegt und reflektieren zunächst die Konventionen des Herrscherportraits. Andererseits rücken uns die Gesichter der Dargestellten einer jüngeren Soldatengeneration in ihrer unmittelbaren malerischen Auffassung beinahe bedrohlich nahe.

Was sich innerhalb dieser Phalanx von Soldatischem vollzieht, ist der Wandel einer medialen Inszenierung des Militärischen, die im heute so unalltäglichen Medium der Malerei besondere Signifikanz und eine veränderte Lesbarkeit zu entwickeln beginnt. Hinter den tradierten Posen, die der Maler seinen Bildnissen zugrunde legt, zeichnet sich nicht nur ein veränderter Umgang mit der Eindeutigkeit des Portraits ab. Überdies hat sich auch die kollektive Wahrnehmung des Militärischen in den Massenmedien dahingehend verändert, dass weniger die Akteure und politisch Verantwortlichen, als vielmehr die Ergebnisse ihres Agierens die tagesaktuellen Medienbilder bestimmen. Über Jahrhunderte haben sich mit dem Portrait von Herrschern und ihren Militärs gemeinschaftliche politische Idee kommuniziert. Insbesondere auf dem Höhepunkt des Imperialismus wurden tausendfach Bildnisse und Denkmäler beauftragt, um die kollektive Gemeinschaft auf jene scheinbar gemeinsamen Ideale einzustimmen, wie sie stellvertretend von einzelnen Identifikationsfiguren vollzogen wurden. Bezeichnend hierfür ist das Bildnis des legendären amerikanischen Bürgerkriegsgenerals Armstrong Custer, der seit der 1876 gewonnenen Schlacht am Little Big Horn zu einer nationalen Ikone der weißen Übermacht gegenüber den Sioux-Indianern avancierte. Sein ganzfiguriges Portrait ist bei Sambo-Richter noch vollkommen jenen absolutistischen Herrscherportraits verpflichtet, wie wir sie insbesondere aus der älteren europäischen Kunst kennen. Aber bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts hat sich das mediale Bild des Soldaten offenbar insoweit verändert, dass intime Portraits von GI’s des D-Days in einem eklatanten Gegensatz zu den weitaus bekannteren Pressefotos alliierter Befreiungssoldaten stehen. Die fotografischen Vorlagen einer ganzen Reihe dieser Portraits entstammen einem britischen Militärarchiv und wurden unmittelbar vor dem Einsatz gegen Nazi-Deutschland aufgenommen. Sie zeigen schwarze junge Männer, die sich selbstbewußt in ihren Uniformen ablichten ließen, ohne dass in der Art der Inszenierung auch nur der erste kleine Hinweis auf die zukünftige gemeinsame Mission ersichtlich würde. Anstelle einer medial inszenierten vorrückenden Befreiungsarmee steht allein das menschliche Subjekt, das mit dem Anlegen der Uniform einen ersten Schritt zur Identifikation mit einer gemeinschaftlichen Sache getan hat.

Am vorläufigen Endpunkt dieser Genealogie stehen die Bildnisse eines amerikanischen Soldaten im Irakkrieg und Janis Karpinskis. Der Soldat ist mit Gewehr und Funkgerät bewaffnet, um nicht nur die technische Modernität und Überlegenheit seiner Truppe, sondern auch die unmittelbare kommunikative Anbindung an die dirigierende Heeresleitung zu repräsentieren. Im Gegensatz zu dieser offiziellen Bilderpolitik der ehemaligen Bush-Regierung wiederum stehen Pressefotos der früheren Kommandantin des irakischen Gefangenenlagers Abu Ghraib. Die enge Anbindung Janis Karpinskis an die Anweisungen aus dem Pentagon kommt in dem vom Künstler als Vorlage ausgewählten strengen Profilfoto eben nicht zum Ausdruck, sondern lässt sie als Verantwortliche für grausame Verhörmethoden allein.

Und so liest sich diese, nicht von ungefähr dem Realismus verpflichtete Portraitgalerie eben nicht als offizielle Repräsentation des militärisch potenten Amerika, sondern hinterfragt auf ebenso subtile wie drastische Weise die Funktionen der Bilder von Menschen in der medialen Bilderpolitik.

Die traditionell eindeutigen Lesbarkeiten von Portraits verwischen im problematischen Spannungsverhältnis visueller Regierungstechnologien der Gegenwart zwischen Sichtbarmachung und Nicht-Sichtbarkeit. Was Michel Foucault mit Beginn des bürgerlichen Zeitalters als Paradigmenwechsel vom fürstlichen Machtmodell zu einer über die Regierungen auf die Bevölkerung verteilten Sicherheitsgarantie charakterisierte, artikuliert sich in Zeiten der Krise ganz wesentlich im Bereich des Visuellen. Die zentrale Frage ist dabei: Was wird von einem militärischen Konflikt und seinen Akteuren sichtbar und was bzw. wer wird dezidiert einer öffentlichen Sichtbarkeit entzogen?

Daniel Sambo-Richter bringt in seinen jüngsten Arbeiten zwei diametrale Ebenen miteinander in Verbindung und reflektiert sie unter dem Gesichtpunkt der Bilderpolitik in den aktuellen Medien, seien sie frei oder durch gouvernementalen Einfluss zensiert. Er zeigt sowohl die Portraits der kollektiven Identifikationsfiguren für eine „gerechte“Sache, als auch mit Janis Karpinski das Konterfei der Personen, die - nach Linda Hentschel - zu RepräsentantInnen des Schurkischen gemacht werden.

So komplex diese zeitgenössische Bilderpolitik ist, die uns z.B. 2004 mit James Blake Miller - dem sog. „Marlboro Man“ des anfänglich noch erfolgreichen Irakkrieges - den starken Helden ebenso vorstellte, wie kurze Zeit später die Bilder von kriegstoten Zivilisten und Folteropfern, so eindringlich ist es, wenn Sambo-Richter seinen Portraits amerikanischer Militärs aufblühende Knospen gegenüberstellt. Es bleibt ebenso unklar, was ein Motiv final repräsentiert, als auch wie sich seine Repräsentationen im Lauf der Ereignisse verändern. Wie schon in früheren Arbeiten, in denen er unter anderem deutsche Widerstandskämpfer wie Claus Schenck zu Stauffenberg malte, liegt das vorrangige Interesse des Malers neben der Weiterentwicklung seiner Portraitmalerei in der Hinterfragung dieser Bildnisse und ihren Funktionen für eine kollektive Wahrnehmung historischer Prozesse. Die Malerei spielt innerhalb dieser Analyse eine mediale Schlüsselrolle, weil sie die Gegenwart in der Geschichte spiegelt. In einer solch subjektiven Perspektive und absurden Aneinanderreihung verwischen manchmal nicht nur die ursprünglichen Funktionen der Bilder, sondern auch die Gesichter, die wir damit in Verbindung bringen.

Ralf F. Hartmann

 

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