daniel sambo-richter - presse

back

 

Potsdamer Neueste Nachrichten, 05.06.2013

Der ewige Zwiespalt Mensch

von Richard Rabensaat

Ein Künstler der harten Kontraste: Daniel Sambo-Richters Bilder im Kunstraum und der a/e-Galerie

Es sind keine unschuldigen Kinderaugen, die von den Bildern Daniel Sambo-Richters auf den Betrachter blicken. Die Kleider zu groß, auf dem Kopf eine Kommandantenmütze mit fünfzackigem Stern, neben sich ein Totenschädel, der auf einen Stock gespießt ist. In der Hand eine Kalaschnikow, die fast so groß ist wie der Körper des Dargestellten. Der schwarze Junge lächelt. Es scheint, als habe er gerne für den Fotografen posiert und sei sich seiner martialischen Montur nicht bewusst gewesen. „Die Namen der Kinder stehen nie neben den Fotos“, sagt Daniel Sambo-Richter. Aus Zeitungen und Magazinen hat er die Vorlagen für seine Bilderserie über Kindersoldaten entnommen. Liberia, Somalia, Angola, er wisse nicht genau, aus welchem Krieg die Bilder stammen würden, aber das sei auch für die Malerei und die Bilderserie nicht erheblich gewesen.

Soldaten, das Bild des Menschen, der Gewalt ausübt und von der Gewalt, die ihm widerfährt, geprägt wird, zeigt die Ausstellung „Neuzeit“ des Malers im Kunstraum Waschhaus, die an diesem Donnerstag eröffnet wird. Zu den Kindersoldaten gesellen sich Männer aus einer amerikanischen Kompanie des Zweiten Weltkrieges, die ausschließlich aus Schwarzen gebildet wurde. Porträts von amerikanischen Soldaten aus den Kriegen im Irak und in Afghanistan hängen daneben. Sie stützen sich auf Panzerfäuste, sind behängt mit Ferngläsern und Funkgeräten.

Der historische General Custer schaut mit ernster Miene, verschränkten Armen und weißen Handschuhen in die Ferne. „Er ist das Beispiel für einen Mann, der erst sehr hoch aufgestiegen und dann sehr tief gefallen ist“, sagt Daniel Sambo-Richter. Der amerikanische Soldat George Armstrong Custer kämpfte zunächst im amerikanischen Bürgerkrieg und dann in den Indianerkriegen des 19. Jahrhunderts. Sein spektakuläres Scheitern im Kampf gegen die von den Häuptlingen Sitting Bull und Crazy Horse geführten Indianer am Little Big Horn hat sich tief in das amerikanische Bewusstsein eingegraben. Auch heute noch evoziert das Bild des Exzentrikers Custer tiefe Emotionen. Und um Gefühle geht es dem Maler Daniel Sambo-Richter in der Ausstellung mit dem Titel „Neuzeit“. „Ich versuche Bilder für eine seelische Situation zu finden, für das Zweifeln, die Ermattung“, sagt Sambo-Richter. Der Mensch, zerrissen, in Zusammenhänge gestellt, die er nicht überschauen kann und die ihn aufreiben, der gegen seine Interessen handelt und so auch die Umwelt zerstört, steht im Mittelpunkt.

Brennende Autowracks, entflammte Wälder, schmelzende Gletscher ergänzen die Serie der Soldatenbilder. Eismassen, die blau vor orangefarbenem Hintergrund stehen, sind kein romantisches Topos, sondern verweisen auf die menschgemachte Umweltzerstörung. „Es ist unwichtig, welcher Gletscher das ist“, stellt der Maler fest. Es gehe nicht um Dokumentation und Recherche, sondern um die künstlerische Reflexion. Deshalb entnehme er die Vorlagen für seine Soldatenbilder dem allgemein verfügbaren Medienmaterial und bereise keine Kriegsgebiete, er sei kein Reporter. Dennoch spiele sicherlich eine persönliche Erfahrung mit, wenn er Kindersoldaten oder den ermordeten angolanischen Rebellenführer Jonas Savimbi male. Manuela Sambo-Richter, die Ehefrau des Malers, ist in Angolas Hauptstadt Luanda aufgewachsen. 1984 kam sie zum Studium in die DDR, 1986 haben sich Daniel Richter und Manuela Sambo kennen gelernt. 1989 ist der Künstler erstmals durch Angola gereist. „In der Hauptstadt Luanda hat man vom Bürgerkrieg nichts mitbekommen. Aber auf dem Land habe ich zerschossene Städte und brennende Autowracks gesehen“, schildert Sambo-Richter seine damaligen Eindrücke.

Dennoch erhebt Sambo-Richter keine Anklagen, er malt keine Kampfhandlungen, sondern Porträts der Soldaten, die möglicherweise in einer Kampfpause an das Geschehe zurückdenken. Durch die eigene Interpretation und Umsetzung der Vorlage gibt der Maler den Dargestellten eine Lebendigkeit und Präsenz, die ein Foto nie erreichen könnte. Grundlage hierfür ist nicht zuletzt das Pendeln des Künstlers zwischen vielen Stilen und künstlerischen Polen. Ein großer Block abstrakter Gemälde findet sich im Oeuvre Sambo-Richters ebenso wie eine Serie zum Frauenbild der 30-er Jahre. Leni Riefenstahl gibt sich dort ein Stelldichein und auch die klischeehaft posierende schöne Blonde mit Badekappe. Überhaupt: die Frauen. In der korrespondierenden Ausstellung „Modifikation“ mit Zeichnungen von Sambo-Richter in der Galerie Euchner in der Hermann-Elflein-Straße 18 spielt der Künstler mit dem Klischee des weiblichen Rollenbildes. Wagners Walküren stellt er Zeichnungen von Frauen aus Tahiti gegenüber. Die tragischen germanischen Heroinen, konfrontiert mit der sublimen Erotik der pazifischen Schönheiten. Der Künstler Daniel Sambo-Richter liebt harte Kontraste.


Lausitzer Rundschau, 29.05.2009

Frage, Resignation, Ergebenheit

Von Arno Neumann

Cottbus Kriegerisch ist es geworden im Foyer des Verwaltungsgebäudes von Vattenfall in Cottbus. Eine Galerie lachender dunkelhäutiger GI's, eingehüllt in schmucke Ausgehuniformen, paradiert lebensgroß an der Wand. Was auf den ersten Blick so eindeutig als Porträts braver Jungs amerikanischer Militärpräsenz, Garant weltweiter Freiheit, erscheint, gemalt und ausgestellt von Daniel Sambo-Richter, hat durchaus seine Mehrdeutigkeit.

Das sieht, flüchtig betrachtet, wie nachempfundene Fotografien aus. Inspiration und Vorlagen für diese Porträts waren tatsächlich Fotografien aus einem britischen Militärarchiv, aufgenommen vor dem Einsatz am D-Day im Juni 1944 zur Eröffnung der zweiten Front in der Normandie gegen Nazi-Deutschland. Das gemalte Bild hinterfragt das fotografierte Bild. Personen in der Zwangsjacke allgemeiner Geschichte werden subjektiv gegenwärtig in der Aneignung durch künstlerische Reproduktion. Die Malereien sind von einer sich geradezu aufdrängenden körperlichen Nähe. Geht man von dieser Porträtreihe lachender GI's im Obergeschoss nach unten, so erstirbt das Lachen, bis sich beim letzten Bild noch einmal ein ambivalentes Lächeln andeutet. Ganzfigurig sitzt da „Cole“, ein GI.

Historische Kollektion

Das nachdenklichste Bild dieser militärischen Galerie ist ein im Drillichzeug sitzender Soldat „Nathan“, gestützt auf ein martialisch wirkendes Geschützrohrstück. Sein Gesicht ist Frage, Resignation, Ergebenheit – ein aufwühlendes Porträt antiker Größe. Kritisches Hinterfragen ist bei all diesen Porträts niemals Verurteilung. Daniel Sambo-Richter sieht das Kriegerische als zum Wesen des Menschen gehörig. „Der Mensch ist ein kriegerisches Wesen. Ich verstehe das.“ Seinen Standpunkt muss der Betrachter vor diesen faszinierend schockierenden Gesichtern schon selbst finden, aber wohl kaum in einer Identifikation, sondern aus einer ganz eigenwilligen, weil in sich widersprüchlich aggressiven Distanz. Es ist eine historisch zu lesende Kollektion, auch in Kunstgeschichte. Im hinteren Raum des Obergeschosses steht im Hochformat in absolutistischer Herrscherpose Armstrong Custer, der Sieger der Schlacht am Little Big Horn, in der die Indianer niedergemetzelt wurden. Ironie ist unverkennbar bei so viel Arroganz, bei der das Lachen erstirbt. In diesem Raum prallen die Gegensätze aufeinander. In bescheidenem, eigentlich einem Porträt angemessenen Format hängen dicht nebeneinander das von ungetrübtem Heldenmut strahlende Porträt Graf von Stauffenbergs und ein mit betont flüchtigen Pinselspuren angelegter Schädel – der ausgelöschte Stauffenberg, der Vergessene? Oder war zuerst die vage Vorstellung, aus der mithilfe der Medien jener makellose Held und Retter deutscher Ehre emporstieg? Jedes Bild ist nicht nur an dieser Stelle eine Frage, auch wenn es noch so selbstbewusst daher kommt. Und wieder ein Kontrast. Im Hochformat wächst zu martialisch blonder Größe eine deutsche Maid empor, die Lanze geschultert – übrigens kompositorisch eine überzeugend gesetzte Bilddiagonale . Nicht nur ihr Mieder, auch ihr steinernes Gesicht ist blutrot. Das Bild ruft Irritationen hervor. Man erinnert sich des Umfelds des Künstlers. Der eine Großvater kam im KZ Dachau um, der andere war höherer Offizier. Wird hier Nazi-Malerei persifliert? „Ja, auch“, entgegnet Sambo-Richter, „aber für mich ist es vor allem eine Form intensiver Auseinandersetzung in einem historischen und künstlerischen Bezugsfeld, ein kritisches Hinterfragen.“ Je provokanter das Bild, umso eindringlicher der Anstoß zur Auseinandersetzung für jedermann. Eine wohl verdiente Erholung für Auge und Gemüt sind die Arbeiten in Öl und Grafit aus der Reihe „Modifikation“, wunderschön lockere und dennoch spannungsvolle Grafiken mit sparsam gesetzten Farbakzenten.

Abstrakte Arbeiten

All das ist souverän beherrschte realistische Malerei und Grafik. Mehr Realismus geht nicht. Doch die Ausstellung hat einen Rahmen, und der ist abstrakt. Daniel Sambo-Richter hat seiner realistisch explodierenden Kollektion einige abstrakte Arbeiten hinzugefügt. In den Neunziger-Jahren machte er sich einen Namen als profilierter Abstrakter, bis er um die Jahrtausendwende wieder zur figurativen Malerei fand. Er wollte sich „die Routine austreiben, in die man bei immerwährender Abstraktion geraten kann“. Nach der Cottbuser Kollektion möchte man jedoch sagen: Ein bisschen Abstraktion wäre eigentlich ganz schön. Und Sambo-Richter tröstet: „Ich bin schon auf dem Wege.“


Der Tagesspiegel, 14.06.2008

Affentheater

Christiane Meixner stellt fest, wie doppelbödig manche Malerei ist

Ein Verstörspiel der besonderen Art treibt auch Daniel Sambo-Richter. „German Fragments" heißt seine Ausstellung, die in der Galerie Rowland-Kutschera einen wahren Teufelsritt durch die Geschichte der jüngeren deutschen Kunst unternimmt. Sambo-Richter hat sich ein fotografisches Porträt von Leni Riefenstahl vorgenommen und es malerisch transformiert. Genau wie ein Bild von Claus Schenk Graf von Stauffenberg, der ein Zimmer weiter hängt und den gegensätzlichen Pol dieser eigenwilligen Zeitreise markiert: hier die enthusiastische Mitläuferin, dort die Ikone des Widerstands. Es ist eine subjektive Rückschau des Künstlers, der sich der Vergangenheit bemächtigt, indem er sie mit seinen eigenen Mitteln nacherzählt. Dabei scheinen manche Gemälde das Missverständnis zu suchen: so wenn Sambo-Richter die Sportler auf seinen großen Bildern nach den Motiven der Olympischen Spiele von 1936 malt und dabei genau wie Riefenstahl zu ästhetischen Maschinen überhöht. Der Eindruck löst sich erst, wenn man Zeit mit den Arbeiten verbringt. Dann wird eine schärfere Sicht auf die Dinge möglich: zum Beispiel darauf, dass jedes der Ursprungsbilder einer Inszenierung folgt, der Sambo-Richter nachspürt und von der er erzählen will, indem er sie malend Stück für Stück demontiert.

BLICKLICHT, Mai 2007

Was bleibt zwischen Hysterie und Depression?

Neue Arbeiten von Sambo-Richter in der Galerie Sonntag

KATI SPRIGODE

„Hysteria“ heißt eine der Bilderserien von Daniel Sambo-Richter, die noch bis zum 9.Mai in der Galerie Sonntag zu sehen sind. Aktuelle Fotos aus den Medien inspirierten seine neuen Arbeiten figürlicher, klassischer Malerei. Schreiende Sportler, erregte Politiker, in sich gekehrte Todesopfer. „Der hysterische, theatralische Aspekt der Darstellung in den Medien interessiert mich.“, sagt er.

Der Name – das Programm, eröffnete der Galerist Thomas Richert die Ausstellung „Neue Arbeiten“ von Daniel Sambo-Richter an einem Sonntag im April. Seit Eröffnung des Ausstellungshauses, Oktober 2006, ist damit die dritte Ausstellung für Kunstinteressierte und potentielle Käufer gerichtet. „Ich mag die Ebertstraße. Sie ist die Schönste in Cottbus. Und Kunst braucht Öffentlichkeit und vor allem Käufer.“, begründet Richert seine Initiative. Beide Männer verbindet das Interesse an Kunst. Der eine läßt sich durchs Betrachten bewegen, der andere durchs Machen.

Der Künstler sieht in seinem Talent lediglich das Werkzeug, das ihm dient. Dazu dient, sich auf seine Weise mit dem aktuellen Zeitgeschehen und der eigenen Vergangenheit auseinander zu setzten. Fotografische Ästhetik und menschliche Regungen auf einem Zeitungsbild sprechen ihn an, ziehen ihn an. Er nimmt sich ein Foto und malt es genau genommen ab, so erklärt er. Im „Abmalen“ scheint eine Qualität zu stecken. Die, das Gesehene mit den Händen zu erspüren. Sambo-Richter läßt es durch sich hindurch, durchlebt es, verarbeitet es und transportiert es weiter. Verstärkt oder reduziert. Spricht von einer Interaktion zwischen der Bildvorlage und seinem Tun während des Entstehungsprozesses.

Gewalt ist immer wieder Thema. Offensichtliche Willkür oder versteckte Repressalien. Von Macht kommt Sambo-Richter im Gespräch schnell zu Ohnmacht. Das Portrait eines britischen Ingenieurs, der von irakischen Terroristen entführt wurde, hängt beispielsweise in der Ausstellung. Die letzte Aufnahme des Mannes vor seinem Tod ist festgehalten. In sich gekehrt, angekommen wirkt er. Warmes Gelb einer Sonne rahmt den Kopf. Der Maler nennt es ein graphisches Mittel. Womöglich hat es auch Symbolcharakter. Könnte für eine Hoffnung oder für Rückhalt stehen. Macht zumindest die Unglaublichkeit gar Sinnlosigkeit der Aktion, einen Menschen vor laufender Kamera zu enthaupten, erträglicher.

Auch die Motive für die Porträtserie „Babies“ stammen ausschließlich aus den Medien, haben keine privaten Bezug.

Gesichter haben den gebürtigen Cottbuser seit Mitte der 80ger Jahre, dem Beginn seines Schaffens interessiert. Anfang der 90er brach er völlig mit der menschlichen Figur. Hat sich großen Farbflächen und Rauminstallationen zugewandt. Hat diese Form in 15 Jahre bis zum ihm Möglichen getrieben, um nun seit drei Jahren wieder zum Menschen und dem figürlichen Malen zurückzukehren. Wie ein Mechanismus, der reguliert, Abstand gewährt, scheinen diese gegensätzlichen Arbeitsweisen zu wirken. Holen den Maler an einem toten Punkt ab und geben ihm mit dem Besinnen auf Bekanntes die Chance sich weiterzuentwickeln. Nach wie vor arbeitet er figürlich und abstrakt. In den neuen Werken findet man noch Zitate der abstrakten Malerei der 90er.

Großes Aufsehen erregt die 1,50x2 Meter große Malerei einer Frau mit geschulterter Stahlstange aus der Serie „German Fragments“. Fängt unmittelbar den Blick, betritt man den Raum der Galerie. Hat einen Zauber, zieht an. Die perfekte Schönheit und in sich ruhende Kraft der Frau berührt. Und auch ängstigt ihre herbe Ausstrahlung. Sie wirkt maskulin, kann scheinbar Unmögliches leisten. Sambo-Richter benutzt Worte wie ideologisch und perfide, spricht er über das Bild.

Ein bitterer Beigeschmack stößt auf. Die erste Assoziation, die man hört, ist „Leni Riefenstahl“. Bekannt wurde sie durch eine ästhetische Bildsprache, dynamischen Filmschnitt, vor allem aber auch durch den zugelassenen Mißbrauch des Naziregims. Die Erinnerung an Mißbrauch scheint schwer auszuhalten, sieht man sich so provokant und direkt damit konfrontiert. Ist man womöglich selbst betroffen gewesen.Abweisend reagieren Einige. Fühlen sich an die Propagandakunst des dritten Reiches erinnert. Das ist dem Künstler bewußt. Er arbeitet mit unterschiedlichsten Bildimages, nutzt Material der Zeit. Betrachtet man das Porträt im Kontext der Serie „German Fragments“, verweist es auf eine Thematik. „Die Gesamtheit der Bilder könnte vielleicht etwas erklären.“, sagt Sambo-Richter und überläßt es dem Betrachter.

Er tastet sich an seine Geschichte heran. Sein Großvaters Paul Richter war Pfarrer der bekennenden Kirche und starb im KZ Dachau. War aber durch Erzählungen in seinem Leben präsent. Sein anderer Großvater, Paul Schulze, diente bei der Wehrmacht als höherer Militär. Da erlebte der Künstler Verschweigen. Als Vakuum, das schwer lastet, empfindet der 41 jährige Wahlberliner solchen Umgang mit Vergangenheit. Begehrt mit seiner provokanten Art scheinbar dagegen auf. Fordert offensichtlich zur Auseinandersetzung, die Klärung schaffen könnte und die ein Loslassen erlauben würde, um im Hier und Jetzt zu leben. Entdeckt im Kleinen und Persönlichen, seiner Familiengeschichte, Verweise zu größeren Zusammenhängen, zur deutschen Geschichte.

Der Kreis schließt sich mit den theatralischen Auftritten öffentlicher Figuren, die er malt. „Ausdruck von Glück und Schmerz im menschlichen Gesicht liegen so nahe beieinander. Sind kaum zu unterscheiden.“, sprich der Künstler von seiner Faszination. Laut und schrill beschreibt Daniel Sambo-Richter das, was er sieht: „Einem Spektakel gleich bereiten es die Medien auf.“ Auf der anderen Seite fallen ihm lethargische und kraftlose Posen auf. Der eine Ausdruck scheint nach seiner Beobachtung den Anderen zu bedingen. Und vermeidet auch hier wirkliche Auseinandersetzung, so der Maler. Die gewählten Motive der Serie „Hysteria“ stehen exemplarisch für gesellschaftliche Gesamtzusammenhänge, die er ergründen will.

„Ich will nicht vorführen. Aufzeigen, ja. Aber auch bewußt an der Nase herumführen mit plakativer Darstellung.“ sagt er. Langjährige Beobachterin und Kunsthistorikerin Susanne Lambrecht bezeichnet Sambo-Richters Malweise als ein Ausbuchstabieren eines Themas. Bemerkte in den verschiedenen Arbeitsphasen immer eine Kontinuität, wenn es um das Ausdrücken seiner Empfindungen geht.

Siegfried Kohlschmidt, sonntäglicher Gast, fühlt sich als Flaneur, ist er in Galerien unterwegs. Läßt sich gern von Bildern fangen, packen. Und meint Daniel Sambo-Richters Bilder vermögen das. Erst einmal ungeachtet dessen, was sie auslösen. Er befindet die Ausstellung als unbedingt sehenswert. Und das ist sie.


Potsdamer Neueste Nachrichten, 18.07.2006

Die Wucht der Bilder

Daniel Sambo-Richter zeigt das skandalisierte Individuum in der Inter-Galerie

LORE BARDENS

Friedlich schlummern sie, die rosigen Wangen pausbäckig aufgeplustert in dem einem, zusammengekniffene Nase und Mund bei dem anderen Gesicht. Die „Babies“, Säuglingsköpfe in Serie, prangen an der Wand der Inter-Galerie und rühren den Betrachter ob all der versammelten, schlafenden Unschuld. Fast wäre man versucht, „ach, wie süß“ auszurufen, wenn das Süße nicht mit einer solchen Wucht und dieser seltsam überhöhten Farbigkeit daherkäme.

Wer Daniel Sambo-Richter zu kennen glaubt, wird sich wundern. Sah man ihn als Kunstpreisträger des Landes Brandenburg 1996 noch mit dem roten „Energieblock“ als komplett ungegenständlichen Künstler, der seine Dynamik und Emotion ganz in die roten Farbfelder legte, so kommt er heute figurativ genau als Porträtmaler daher. Schon in seinen „Head“-Arbeiten beschäftigte er sich mit dem menschlichen Kopf, der da noch reduziert war auf die universelle Form. Auch seine hier bekannte Serie der „Space-of-possibilities“-Suche (Raum der Möglichkeiten) bewegte sich noch in dem abstrakten Rahmen, mit dem man Daniel Sambo-Richter zu identifizieren können glaubte.

Während da noch Farbfelder miteinander in Horizontalen und Vertikalen nach flirrenden Landschaften ringen, die nicht nur der Natur ähneln, sondern auch Seelenbilder sein können, geht der 40jährige nun mit seinem exakten Pinselstrich so konkret an das Gesicht, dass einem angst und bange werden kann. Wenn der „Klagende“ ohne Rumpf und Kragen über rosa-mattgrauen Streifen in der Luft hängt und so als Nur-Kopf, quasi als Geköpfter, den Mund zu einem schier hörbaren Schrei aufreißt, die Augen in Trauer verhängt und seine gesamten Gesichtszüge nach unten zieht, scheint er förmlich in das Bodenlose zu fallen, von dem er kündet. Bis auf die „Babies“ zeigt keiner der Abgebildeten eine friedliche Miene, alle sind sie extrem gefühlsintensiv. Da gibt es den „Hooligan“, dessen brutale Fresse weit aufgerissen pure Gewalt ausstrahlt, und es gibt „Tooky Williams“, der seinem Todesurteil stoisch abgründig nach innen entgegenblickt.

Da gibt es den „Mann“ mit zusammengekniffenem Mund und nach unten drängenden Lefzen. Mit geschlossenen Augen versucht er verzweifelt, Ärger und Zorn im Zaum zu halten. Und auch ein berühmtes Gesicht: selbst wenn „Helmut S.“ mit seinem zu einem einzigen Nachdenken gewordenen Kopf hinter einer grünen Schräge versinkt, kann man doch erkennen, dass es sich hier um den ehemaligen Bundeskanzler handelt.

Diese Motive sind nicht zufällig gewählt. Das sind keine Menschen, denen der Künstler einfach so begegnet ist und die ihm interessant erschienen. Allmählich fertigt sich bei der Betrachtung der Gedanke und wird in Kombination mit dem Titel der Ausstellung „Hysteria“ zur Gewissheit: Daniel Sambo-Richter schleudert uns das Zeitungsfoto entgegen, setzt es in einem anderen Medium um und entlarvt dadurch die Gesetzmäßigkeiten des zeitgenössischen voyeuristischen Blicks.

Er zeigt das skandalisierte Individuum, das den Blick des Lesers auf sich ziehen soll. Hysterisch ist der Zustand unserer Welt, in der nichts anderes zählt als das Extrem: das extrem junge Menschenkind, der extrem verzerrende Schmerzzustand, die extreme Kraftanstrengung, die außergewöhnliche Angst, der schrecklichste aller Schrecken. Und das alles ist ganz normal. Das als Malerei verfremdet auf uns zurückgeworfen, eröffnet einen Spielraum der sinnlich verstehenden Reflektion. „Ich wollte ganz pur sein“, sagt Daniel Sambo-Richter und nennt diese Malerei gesellschaftskritisch. Und ist manchmal ganz augenzwinkernd, wenn er über den Schreibtisch des Galeristen Erik Bruinenberg die Porträts zweier Kampfhunde mit fletschenden Zähnen hängt.


Märkische Allgemeine Zeitung 05.07.2006 / Potsdam

Kopf ist Form, nicht Porträt

Intergalerie präsentiert mit der Ausstellung "Hysteria" neue Arbeiten von Daniel Sambo-Richter

ARNO NEUMANN

Eine Überraschung ist sie allemal, die von Kurator Erik Bruinenberg in der Intergalerie arrangierte Ausstellung mit neuen Arbeiten Daniel Sambo-Richters. Doch sie ist mehr als eine bloße Überraschung über das aktuelle Schaffen eines Künstlers, der nicht nur in Brandenburg einen Namen hat. "Hysteria" in der Intergalerie stellt einiges auf den Kopf, nicht nur beim Künstler, sondern im Verständnis von etablierten Entwicklungswegen moderner Kunst vom konkret Gegenständlichen zu ungegenständlicher Abstraktion.

Daniel Sambo-Richter fand und findet hohe Anerkennung mit seinem nonfigurativen Werk, das sich auszeichnet durch eine kompositorisch immer wieder variierte Verspannung elementarer, farbig differenziert angelegter Formen. In den 90er Jahren drängt sich die Kopfform in seine Arbeiten, die er mit abstrahierten organischen Binnenformen zwar grob zu thematisieren sucht, ohne aber ins Individuelle zu gehen. Kopf ist Form, nicht Porträt.

Hier aber liegt die Überraschung und die kunstwissenschaftliche Pointe der Potsdamer Ausstellung: Alle Arbeiten sind Porträts, ausgeführt mit geradezu leidenschaftlicher Hingabe auch für das kleinste Detail eines Kopfes. Er musste einmal heraus aus der "gewissen Unverbindlichkeit der abstrakten Malerei", wie er sagt. Daniel Sambo-Richter will sich "die Routine austreiben, in die man geraten kann bei immerwährender Abstraktion". Und es ist das banale Leben, es sind die Menschen, die er vor seinem ebenerdigen Atelier im Wedding sieht, die ihn nicht loslassen. Er verrät, dass es "Spaß macht, in die Details eines Gesichtes zu gehen, die Dreidimensionalität eines Kopfes zu erfassen".

Einige seiner Köpfe sind in Schwarz-Weiß gemalt. Er arbeitet nach Pressefotos, klein im Format, oft unscharf, dazu gerastert - geduldige Übungsobjekte, die man immer wieder hinterfragen kann. Die Ausdrucksskala reicht vom brüllenden Kopf, der wie ein Stein durch den Bildraum fliegt, bis zum absolut in sich gekehrten "Männerkopf" von 2005, vom New-York-Girl bis zum hingerichteten Tooky Williams, Arbeiten, die er schon mit Blick auf seiner New Yorker Ausstellung im März 2007 gemacht hat.

Das Bedeutsamste in der Werkauswahl sind die Baby-Porträts, farbige Arbeiten, die gerade in der Gruppenhängung ihre gesellschaftliche Relevanz nicht verleugnen können und wollen. "Sie sind Reflexionen über den eigenen Lebensweg. Sie bergen Hoffnungen und Bedenken über Zukünftiges. Was wird aus ihnen? Es hat mich fasziniert, das in den Gesichtern zu suchen und Form werden zu lassen."

Köpfe und Bildgrund sind farbig im Einklang. Bei seinen Schwarz-Weiß-Köpfen entstehen zum farbig konträren Bildgrund - hier findet man den alten Daniel Sambo-Richter wieder - faszinierende Spannungen. Kehrt er zurück zum Ungegenständlichen, das heißt nach seinen Worten auch zur Gefahr des Unverbindlichen? Wesentlich ist, dass ein Künstler sich nicht im Erfolg ausruht, sondern sich in kreativer Unruhe auf den Weg gemacht hat, auch wenn dieser ausgefahren scheint. Es wird spannend sein zu verfolgen, wohin er Daniel Sambo-Richter führt.

 

back